STUDIO TEST
SOUND CHECK 3/96
JAN FRIEDRICH CONRAD

„Es klingt einfach besser mit dem SPL Vitalizer“, hieß es im SOUND CHECK-Test über den Ur-Vitalizer, der nun auch schon wieder über drei Jahre zurückliegt. Nun steht die nächste Generation des wundersamen Klangverbesserers in den Startlöchern – Grund genug für uns, noch einmal ausgiebig hinzuhören.

Einer der schönsten Prozessoren ist er mit Sicherheit, der neue Vitalizer der Filter-Magier aus Niederkrüchten. Blau-metallische Schlieren auf schwarz eloxiertem Paneel, eine Hersteller-Plakette, die einem Luxusschlitten gut zu Kofferraumdeckel stünde, bordellrot leuchtende Schalter und eine blaue (!) LED für die Baßkompression mit gleichsam hocherotischer Ausstrahlung. Der technische und psychoakustische Hintergrund der Vitalizer-Technologie ist ziemlich kompliziert, und deshalb hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt einfach zur Kenntnis, daß ein Vitalizer den Sound irgendwie verbessert, oder man fragt sich, was es mit diesem Prozessor auf sich hat. Dazu muß man nicht nur den Aspekt des Frequenzgangs der Amplitude (des sogenannten Übertragungsmaßes), sondern auch den der Phase betrachten, also die zeitliche Verzögerung des Signals in Abhängigkeit von seiner Frequenz. Diese Dinge haben viel mit der Frage zu tun, was eigentlich ein „guter Sound“ ist. Deshalb gehen sie jeden Elektro-Musiker etwas an (siehe letzter Abschnitt).

Im Gegensatz zum Vorgängermodell „Stereo Vitalizer“ verfügt das Modell „Mark Two“ über eine „Drive“-Vorstufe zur optimalen Aussteuerung des Prozessors. Die Regelung verändert den Ausgangspegel übrigens nicht – dieser wird komfortablerweise entsprechend angeglichen. Der Rauschabstand wurde um 8 dB auf -81 dBu verbessert. Für den Baßbereich besitzt der Prozessor neuerdings einen Kompressor, der der kritischen Pegelzunahme in den Bässen wirksam begegnet. Der Baßkompressor war bislang eine Spezialität des Exciters C2 von Aphex. Die Eingänge liegen jetzt serienmäßig sowohl als elektronisch symmetrierte XLR- wie auch als (ebenfalls symmetrische) Klinkenanschlüsse vor. Im Falle eines Stromausfalles überbrückt ein Hardware-Bypass per Relais den Prozessor, so daß das Eingangssignal unbearbeitet an den Ausgang durchgeschliffen wird.

Drive steuert den Prozessor aus, Übersteuerungen werden durch eine Clip-LED angezeigt. Der Sound-Regler der Baßregelung kann von der neutralen 12-Uhr-Position in zwei verschiedene Richtungen bewegt werden. Beide Richtungen bewirken unterschiedliche Frequenzgänge der Amplitude und der Phase, die sich nicht einfach dadurch kennzeichnen lassen, daß bei der einen Richtung die tieferen und in der anderen die höheren Bässe angehoben würden. In der Tat werden bei Rechtsdrehung, also in Richtung „Tight“, mehr Mitten angehoben als bei Linksdrehung in Richtung „Soft“. „Tight“ bewirkt bei mittleren und höheren Frequenzen mehr Phasendrehungen (bis zu 360 Grad). Kurz: In die eine Richtung gedreht, klingt der Baß eben „soft“, in die andere „tight“.

Hinter Compression verbirgt sich ein denkbar einfach zu bedienender, sogenannter „Over Easy“-Kompressor nur für den Baßanteil. Bei dezenten Baßanhebungen fängt also nicht gleich das Dröhnen an. Exzellent!

Mid High Tune bestimmt diejenige Frequenz zwischen 1 kHz und 22 kHz, oberhalb der eine Höhenanhebung einsetzt. Im Gegensatz zu allen Excitem senkt der Vitalizer die Mitten unterhalb dieser Frequenz durch Phasenüberlagerungen leicht ab. Das Ausmaß der Baß- und Höhenanhebungen sowie der Mittenanhebung wird mit „Process“ eingestellt.

Hi Tune bestimmt diejenige Frequenz, oberhalb der eine Anhebung sowie eine Verzögerung (!) der höheren Höhen einsetzt. Intensity bestimmt das Ausmaß der Anhebung und der die Höhen verdeutlichenden Verzögerung.

Stereo Expander

Der Stereo Expander mischt stufenlos und gegenphasig den linken dem rechten und den rechten dem linken Kanal zu. Dadurch entsteht wie bei einer „Spatial-Sound“-Schaltung eines Kofferradios der Eindruck, daß die Stereobasis verbreitert wird, allerdings um den Preis, daß mittig abgemischte Instrumente leiser werden. Vorsichtig eingesetzt, erhält man zusätzlich zur Klangverbesserung auch einen räumlicheren Breitwand-Sound.

Tiefdröhnende Männerstimmen im Kinofilm sowie aufdringlich-wummernde, aber seidige Klangbilder der Wald-und-Wiesen-Radiosender beruhen auf dem brachialen Einsatz solcher sensibler Prozessoren. Im einen Fall werden sie in den Stimmen-Kanal eingeschliffen, im anderen Falle in die Summe. Der übertriebene Einsatz schadet dem Ruf der Vitalizer in der audiophilen Studio-Szene. Nichts kann eine gute Mikrofonierung, einen guten Kompressor, einen guten Equalizer, ein solides Mischpult und gute Lautsprecher ersetzen. Dezent eingesetzt, verleiht der Vitalizer einer Abmischung mehr Glanz, Tiefe und Räumlichkeit. Mit Gefühl eingestellt, dröhnt es nicht, und auch der Pegel wird nicht erhöht, wohl aber die Lautheit. Mit Recht unterstreicht die vorzügliche Bedienungsanleitung, daß es um ganz dezente Bereicherungen des Klanges gehen soll. Der Prozessor verführt zu extremen Einstellungen, ähnlich wie eine schön klingende HiFi-Box im Vergleich zu einem kratzbürstigen Studiomonitor zu nachlässigen Mischungen verleitet. Man muß eben vorsichtig sein. Beim Einschalten depkt man sich, ,,na ja, klingt ja ganz nett". Das Ausschalten des Effekts ist nachgerade unerträglich, so wohltuend ist der Effekt beim Hören!

Fazit

Vorbildlich verarbeitet, mit integriertem, schwerem Ringkern-Netzteil, mit einer idealen Anschluß-Konstellation (XLR und Klinken symmetrisch) und natürlich mit seinem verbesserten Fremdspannungsabstand ist das Gerät im Studio wie live ein reiner Quell der Freude. Der „Drive“-Regler ist eine lange vermißte Hilfe bei der nicht ganz einfachen Einpegelung des Prozessors. Die Dröhngefahr, eine der größten Schwierigkeiten beim Umgang mit älteren Vitalizern, wird durch den Baßkompressor wirksam gebannt. Die Stereoausführung, deren Regler für beide Kanäle zugleich wirken, erleichtert den Umgang im üblichen Stereobetrieb. Trotzdem habe ich meinen alten SPL SX 2 auch weiterhin lieb, der ganz flexible, unabhängige Bearbeitungen beider Kanäle gestattet, und auch meinen (härter klingenden) Aphex Exciter. Der Stereo Vitalizer MK 2 ist jedoch – daran kann kein Zweifel bestehen – der gegenwärtige Stand der Kunst in Sachen „Klang-Verschönern“. Bei dem Preis sollte man ohnehin nicht meckern.

Tonpsychologie oder: was ist eigentlich ein Vitalizer?

Der Vitalizer unterstützt das Gehör in ganz verschiedener Hinsicht. Zum einen ist das Gehör bei niedrigen Pegeln nicht in der Lage, verschiedene Frequenzen gleich gut wahrzunehmen. Sehr tiefe Frequenzen (wie 40 Hz) und sehr hohe Frequenzen (wie 15 kHz) werden leiser wahrgenommen als mittlere Frequenzen wie 1 kHz. Fletcher und Munson haben die sogenannten „Kurven gleicher Lautheit“, die den Schalldruckpegel als Funktion der Freqeunz in der Form der bekannten „Badewannenkurven“ darstellen, experimentell ermittelt. Die „Loudness“-Funktion an der HiFi-Anlage hebt mit Hilfe von Kuhschwanz- (Shelving) Filtern gleich einer Bass/Treble-Regelung die Bässe und die Höhen an. Dadurch erklingt auch leise Musik mit einem satten, vollen Klang. Im tiefergelegten Manta sowie unter berufstauben DJs vom Lande bewährt sich diese Einstellung auch bei hohen Pegeln, allerdings um den Preis, daß man in den Mitten, also da, wo die Musik eigentlich spielt, nicht mehr differenziert hören kann. Am übelsten wirkt sich der Abgleich der Fletcher-Munson-Kurven mit dem graphischen Equalizer aus: Die Vielzahl der Frequenzbänder erzeugt wellige Frequenz- und chaotische Phasengänge; das Klangbild wird unscharf. Einfache Equalizer können zudem den Pegel nicht berücksichtigen, sie bearbeiten das Signal statisch. Die mit Equalizern angehobenen Frequenzbereiche neigen dazu, andere Frequenzbereiche zu überdecken (zu maskieren). Bei der Höhenanhebung leisten Exciter gute Dienste. Sie erzeugen, ähnlich wie ein gewöhnlicher Verzerrer, klirrende Obertöne, die im Originalsignal nicht enthalten sind und deren hochfrequente Anteile dem Originalsignal zugemischt werden. Da es sich um künstliche Obertöne handelt, die zumeist nur aus ungeradzahligen Harmonischen bestehen, kann ihre Wirkung auch aufdringlich wirken.

Und jetzt aufpassen: Mit Hilfe von komplexen Filterschaltungen vierter Ordnung erzeugt der Vitalizer frequenz-und amplitudenabhängige Verzögerungen (Phasenverschiebungen) bis zu einem Bereich von gut fünf Millisekunden. Das je nach Frequenzbereich und Pegel unterschiedlich stark verzögerte Signal wird dem Originalsignal zugemischt. Dadurch werden u.a. die Impulse der Höhen teilweise verbreitert, zum Teil aber auch die Mitten durch Phasenauslöschungen bedämpft. Das Gehör erhält die lnformationen der verschiedenen Freqeunzbereiche nicht mehr zeitgleich, sondern in Portionen nacheinander, so daß es sie der Reihe nach „verstehen“ kann, Maskierungen, also ein „Übertönen“ bestimmter Frequenzbereiche durch lautere, dominierende Frequenzen wird ausgeschlossen. Dadurch entsteht der Eindruck räumlicher Tiefe und einer schärferen Differenziertheit des Klangbildes.

PLUS

  • AUDIOQUALITAT
  • „DRIVE“-AUSSTEUERUNG
  • AUSSTATTUNG UND VERARBEITUNG
  • BASSKOMPRESSION
  • PREIS

(Hinweis d. Herstellers: Es wurden keine Minuspunkte genannt.)