| frank
patitz
interview nov'03



studiobunker
/// frank
patitz
S:
Wo siehst du bitte die Quelle,
oder den Beginn
deiner DJ-Ambitionen?
F:
Als ich noch in Dresden (Radebeul)
wohnte, hab ich mich nur ein bißchen mit Musik beschäftigt, weil
ich ein paar Musiker
als Freunde hatte. Von denen habe ich immer tolle Musik bekommen.
Aber zu DDR-Zeiten
war das ja eh was anderes, und das war auch noch keine Partykultur
im heutigen Sinne, und da wäre ich noch nicht auf die Idee gekommen,
Musik zu machen, da bin ich einfach hingegeangen, habe meine Bräute
abgeschleppt, da war die Szene
ja noch nicht so groß und unüberschaubar.
S: Geht es
eigentlich auch um Inhalte, oder ausschließlich nur darum, den
"Bräuten" zu imponieren?
F:
Der Witz ist der, daß die Jungs, und ich schliesse mich ja manchmal
ein, sich immer die Taschen voll
hauen. Es ist genauso, sich immer gegenseitig
die Autos zu zeigen
und um die Wette zu fahren, damit die Bräute dann den Besten
toll finden, so wie, wer die krasseste
Musik macht, dann eben toll
ist. Es ist ein Jungsspiel.
Natürlich gibt es dann auch mal eine DJ-in,
die der Meinung ist........, aber dieser Fetischismus,
diese Sammelwut,
dieser Jagdtyp oder
diese Geschwindigkeit,
die damit auch zusammenhängt, dieser Konsum,
das Wichtigsein,
das ist jungstypisch.
Deswegen ist auch das ganze DJ-Zeug auch eine Männerdomäne.
S: Wir können
also schonmal zusammenfassen: DJ'ing ist ausschliesslich Balz,
genau wie eigentlich Musizieren
den Ursprung im, sagen wir mal, z.B. Gesang
von Vögeln hat.
F:
Könnte man so meinen. Vereinfacht gesagt ist es sogar eine schöne
Symbolik. Das mit
den Vögeln ist ja
ganz offensichtlich.
S: Es heißt
ja auch "Vögeln".
F:
Na gut, das ist jetzt etwas weit hergeholt, aber das würde ich
auch mit unterschreiben. Nein, aber man sieht das auch, daß die
Frauenquote beim Reggae
ziemlich hoch ist. Warum das so ist, weiß ich auch nicht.
S: Das weiß
ich nun wiederum, Frauen
haben einfach den besseren Musikgeschmack!
F:
Frauen sind einfach musischer veranlagt
als Männer.
S: Reggae
ist einfach körperlicher. Er ist eine Tanzmusik.
F:
Man muss es aber auch gut tanzen können. Reggae ist nicht einfach
zu tanzen.
S: Nee, Reggae
ist überhaupt die einfachste Tanzmusik,
die es gibt.
F:
Na ok, Tango ist
komplizierter.
S: Wenn der
Beat stimmt, kann
man nichts mehr dagegen machen.
F:
Aber nur, wenn der Beat
stimmt. Aber es gibt ganz oft solche, die stimmen einfach nicht.
S: Genau, vor
allem von Bands,
die das nicht richtig drauf haben, oder DJ's,
die die falschen Platten
auflegen, oder vielleicht gute Platten auflegen, aber schlecht
kombinieren, ich
will da jetzt keine Namen nennen.
F:
Wobei man noch präzisieren
kann, um welches Publikum
es geht. Also, wenn man jetzt z.B. 2 DJ's hat, die Ahnung haben,
der eine will die Sache eben gerade antreiben und macht eben schnelle
Cuts, und der andere ist der Meinung, man muss
das langsam aufbauen,
weil er eben diesen Stil
hat, so mit dem Publikum
zu verfahren, kann man ja nicht sagen, daß das falsch ist. Das
ist nur eine Frage des Timings
und des Feelings,
und das ist von DJ zu DJ superverschieden, und das ist garnicht
einfach, zusammen aufzulegen.
S: Aber es
hat mehr Spannung.
F:
Absolut, das ist wie bei Musikern.
Also, ein Musiker ist ein großer
Künstler, wenn er alleine
die Leute unterhalten
kann.
S: Alleine
gegen alle,
F:
oder zusammen mit allen. Die Frage ist auch, wie gehst du mit
dem Publikum um, wann bist du der Meinung, daß es jetzt los geht,
oder daß es jetzt runter
geht.
S: Ich habe
schon Konzerte erlebt,
da gings eigentlich garnicht so richtig runter.
Ein Stück hat das nächste getoppt,
wurde lediglich durch Moderation
unterbrochen.
F:
Oben ist vielleicht auch der falsche Ausdruck.
Dadurch, daß die Dancehallkultur
einem permanenten Cut
ausgesetzt ist, dieses permanente Darüberlegen,
auch bremst, zerstört. Ich empfinde diese Cuts,
und deswegen habe ich das auch früher nicht gemocht, auch diese
Effekte, derartig
zerstörerisch, derartig destruktiv.
Ich mags auch heute noch nicht. Mich nervt das total an, wenn
gerade ein schönes Stück
anfängt, und 15 sek. später, spätestens!!!,
tut da einer wichtig, und lässt sein Gas ab. Also da kotz!!!
ich.
S: In
Germany ist das alles noch etwas zu mechanisch.
F:
Ich frage mich ja wirklich, was, außer daß es die Leute
anheizt, es noch für einen Sinn hätte.
Ich bin der Meinung, man sollte die Leute wirklich nur antreiben,
wenn man merkt, da ist Luft,
da muß man jetzt mal einen reinsetzen.
Aber so, wie das hierzulande gemacht wird .......??
S: Also, einfach
mit einer Trillerpfeife
antanzen, reicht noch nicht. Das ist wieder typisch Spaßgesellschaft.
F:
Du kannst auch Gogo's
hinstellen, oder sonstwas, das reicht nicht. Du mußt die Leute
schon ansprechen.
Und einen Effekt
reinbasteln reicht auch nicht. Das beeindruckt keine Sau. Das
hört sich weg. Ich habe mir jetzt übrigens die "Wayne
Wonder - no lettin go" gekauft, die du mir
empfohlen hast.
S: Und?
F:
Ist ok, wenn ich den Tip
nicht bekommen hätte, ich hätte das nicht gekauft.
S: Das ist
ein Hammerteil.
Ich schätze schonmal, daß da richtig
gesungen wird.
F:
Das wird woanders auch gemacht, z.B. kannst du dir die neue "Sizzla"
anhören, da wird neuerdings auch wunderbar gesungen.
S: Das ist
doch mehr ein Rapper,
kein Sänger, mit
so langsamen Voices.
F:
Doch, macht der neuerdings. Ist sogar gesagt worden, ein ganz
neuer Sizzla. Ob
der sich aber damit nur Freunde macht, das ist die Frage. Und
die Platte hat mir
auf Anhieb gefallen, das sind wunderbare discotaugliche
Musikstücke, solange nicht die Wichtigtuer
kommen, und sagen: " Moment mal, das kommt doch in
Funk und Fernsehen..."
S: Wie groß
ist deine musikalische Bandbreite.
Was sind deine Stilrichtungen?
F:
Die Musikstile haben
sich mehr verwachsen.
So, wie Hiphop in
den Reggae reingewachsen
ist, ist auch House
in den Reggae etc.
und umgekehrt... Es gibt soviel Verwurzelungen
und Verästelungen
in den einzelnen Schubladen,
daß du heutzutage, also sag ich mal, 10 Jahre später, nach den
Offenbarungen, auch technischen
Offenbarungen , eigentlich permanent
Mugge machen kannst, und am Abend eine Stilwanderung
hast, wenn du jetzt den Anspruch
hast, von Normalmusik,
die nichtmal irgendwie discolastig
sein muss, sag ich mal, Originaltitel,
z.b. karibische, und kannst den ganzen Abend gestalten.
Und das ist das, was Spaß macht, wie so ein Hörspiel,
ohne, daß es die Leute merken, und trotzdem tanzen. Und das wäre
der Idealfall, daß man praktisch nicht nur eine
Schublade öffnet, nach dem Motto: "Ich
mache jetzt Funkmusik,
oder ich mache jetzt äh.....Tango....."
S: Eine meiner
Lieblingsbeschäftigungen
als DJ war, einen absoluten Stilbreak,
einen absoluten Querschläger
zu setzen, daß die Leute dann sagen: "Aha,
so gehts auch."
F:
Das ist ja nicht so schwer. Sowas machen Reggae-DJ's
gerne. Die spielen dann eben mal Frank
Sinatra oder irgendsowas. Das ist aber nichts
besonderes. Das assoziiert bei mir nicht Anspruch.
Aber du weißt ja wie das ist, auch als Musiker.
Sobald die Leute weichgeköchelt
sind, kannst du sowieso machen was du willst. Wenn die dir glauben,
daß du krass gut drauf bist, ohne dich zu verbiegen,
und sie dich lieben,
kannst du spielen was du willst. Sven
Väth kann 10min lang den selben
Beat spielen, kann auf's Klo
gehen, und die Leute toben trotzdem. Wenn du die Leute hast, spielt
es garkeine Rolle mehr, was du für eine Nachricht
hast, oder was für eine Musik das ist. Das ist wie in der
Kirche. Wenn die Leute der Predigt
lauschen, und an Gott
glauben, es ist fast Wurst, was der Typ da vorne erzählt. Und
das ist das, weswegen irrtümlicherweise DJ's
als Prediger des medialen Zeitalters und blablabla.....
Du kennst ja die Technosprüche, Gott
is a DJ oder irgendsolches Zeug. Das ist ein bißchen
langweilig, aber letzendlich ist es so.
S: Was kann
man deiner Meinung nach als Deutscher
zu 100% von der Reggaekultur
übernehmen?
F:
Dadurch, daß ich mich grundsätzlich als Tourist
empfinde, weil, es gibt keine deutsche
Musik, die mich berührt, wir wollen jetzt mal
nicht über klassische Musik
reden, wir reden ja über den Bereich Tanzmusik,
wir reden ja nicht über Musikmathematik,
wir reden ja auch nicht über Klanginstallationen,
wir reden schon über Musik in einer praktischen
Anwendung, nämlich die Leute zu stimulieren,
einen schönen Abend zu machen, um die Leute zu begeistern,
um denen was mit auf den Weg zu geben. Aber 100% übernehmen, das
geht garnicht. Sobald ich die Leute mit den Feuerzeugen
sehe, oder irgendwelche Leute, die da so superkorrekt
drauf sind, weil sie angeblich "Patois"
sprechen können (und auch noch behaupten, daß ein "DeeJay"
in Wahrheit ein Sänger
ist, Anm.d. Red..) und das alles verstehen, wie Tabby
z.b. in Köln in
ihrer Szene dort,
wo nur Schwarze
verkehren, wo ein Weißer
selbst in Köln nur ein krasser Penner
ist. Nee, aber zurück zur Frage. Fakt ist auf
jeden Fall, daß ich ja früher nie Reggae
gehört habe. Ich hab auch früher in der DDR
ganz normal Rockmusik
und Punk und so'n
Zeug gehört , und Reggae
war so eine Randerscheinung
von Rockmusik, Bob Marley
und was weiß ich. Was gab's da noch in der DDR?
S: "Reggaeplay"
F:
Kenn ich nicht, frag mich nicht. Also Reggae
war garkeine eigene Musikgattung.
Das gehörte mit zur Rockmusik
und fertig ist der Lack. Das war überhaupt kein Thema in der
DDR.
S: Sag mal
nicht so oft "DDR",
da muß ich immer weinen.
F:
"Silly"
hat in der ((( DDR )))
z.B.
S: -aua-
F:
im Grunde genommen Riddims
gespielt. Silly,
die Band kennst du ja?
S: Ja aber...
F:
Die hatten richtig knallhart Reggaestücke
dabei.
S: Das streichen
wir mal. Das stimmt nicht. Silly....
von mir aus, aber Reggae
war das nicht.
F:
Wie auch immer, übernehmen
oder nicht, das Zeug schwappt hierher, und das wird hier verarbeitet,
und ich denke, genauso, wie die Jamaicaner
den Amistuff verbasteln,
genauso verbasteln wir das auch bloß wieder, und drauf geschissen.
Ob man das darf, fragt dort keiner, und hier erst recht keiner.
S: Aber es
sollte noch ein Background
da sein.
F:
Der Background ist
hier grundsätzlich sowieso ein völlig anderer als dort, und daß
die Deutschen nur
auf Spaßgesellschaft
aus sind, stimmt auch nicht ganz. Also, ich bin ja auch
Deutscher, ich fühle mich als Deutscher,
S: aber kein
normaler Deutscher.
F:
Wir reden ja hier nicht über normale
oder unnormale Deutsche. Wir reden über
Deutsche. Wir reden nicht über irgendwelche,
was weiß ich äh,...... verkorksten
Wessis.
S: Wer heutzutage
Reggae hört, ist
ja schon ein musikalisch fortschrittlicher
Mensch?
F:
Gut ok, das behauptet jeder andere von seiner Musikrichtung
auch, versichere ich dir. Also, auf solche Vergleiche
würde ich mich nicht aufschwingen, weil mir das einfach auch nicht
wichtig genug ist. Also, für mich ist Musik
,und vor allem Musikkonserven,
ein Bestandteil meines Lebens
als gepflegter Mitteleuropäer.
Ich kann's mir leisten, immer mal 'ne Platte
zu holen, und gehe auch in Clubs,
kann mir das auch mit Mühe und Not noch leisten, auch wenn ich
langsam auf die "40"
zugehe. Ich bin immer noch so drauf, als ob mir das wichtig
ist, und als ob ich noch Spaß dran hab, egal, wieviel Kiddies
da unten rumspringen. Andere Leute regen sich dann auch endlos
über Kiddies auf,
für mich ist das ein Indikator,
ob man noch unterwegs
ist, oder ob man einfach schon schläft.
S: Danke!

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